Mangel an Dolmetschern behindert die Justiz

25,Jul,2012

Um die reibungslose Arbeit der Rechtssysteme auf der ganzen Welt zu gewährleisten, ist die kurzfristige Verfügbarkeit von qualifizierten Dolmetschern von entscheidender Bedeutung. Ein Mangel an Dolmetschern kann für Betroffene schwerwiegende Auswirkungen auf ihren Zugang zum Justizsystem und ein faires Verfahren haben.

Medienberichten zufolge wurden Angeklagte zu lange in Untersuchungshaft gehalten, weil keine Gerichtsdolmetscher zur Verfügung standen. Dolmetscher kamen zu spät oder erschienen gar nicht und verzögerten somit die Verfahren um mehrere Tage. Zudem wurden Fälle bekannt, wobei Dolmetscher die verschiedenen Dialekte der Sprachen nicht beherrschten oder nicht als Gerichtsdolmetscher qualifiziert waren.

Einige interessante Zahlen stehen uns aus den USA zur Verfügung: Laut der National Association of Judiciary Interpreters and Translators (NAJIT) haben viele Bundesstaaten Schwierigkeiten damit, ausreichend Dolmetscher zu werben, auszubilden und ihre Qualifikationen zu prüfen. Laut dem Radiosender Voice of America wurden im Jahr 2007 in 250.000 Fällen in District Courts in den USA Dolmetscher benötigt, die in und aus 115 verschiedenen Sprachen dolmetschen. Es gibt etwa 2.500 vereidigte Gerichtsdolmetscher in den USA – allerdings nicht für jede Sprache oder in jeder Region. Aufgrund des Mangels an Dolmetschern vor Ort haben einige Gerichte Dolmetscher, die in anderen Teilen des Landes zur Verfügung standen, bereits via Telefonschaltungen eingesetzt.

Dieser Dolmetschermangel hatte bereits gravierende Konsequenzen:

  • Fünf Jahre nachdem ein gebürtiger Mexikaner seine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes in einem Gefängnis in Oregon angetreten hatte, wurde das Urteil aufgehoben, als das Gericht feststellte, dass er während der Verhandlung keinen angemessenen Übersetzungsservice erhalten hatte. Ein spanischer Dolmetscher stand zwar zur Verfügung, aber die Muttersprache des Angeklagten ist Mixtekisch, eine Eingeborenensprache, die nur in kleinen Teilen Mexikos gesprochen wird.
  • In Maryland hat ein Gericht ein ausstehendes Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs eingestellt, weil die Beamten keinen Dolmetscher für Vai, der Muttersprache des Angeklagten Mahamu Kanneh aus Libria, finden konnten.
  • In Großbritannien wurde vor Kurzem ein Mordprozess verschoben, da die Gerichtsdolmetscherin aufgrund zu vieler anderer Dolmetschaufträge den Termin nicht wahrnehmen konnte und statt dessen ihren Ehemann schickte, der sich als vollkommen unqualifiziert entpuppte.

Neue Untersuchungen in Australien haben ergeben, dass durch ungeschulte Dolmetscher falsche Urteile über nicht-englisch sprechende Angeklagte gefällt werden. Eine Studie der University of Western Sydney zeigt, dass die Ausdrucksweisen von Dolmetschern durchaus beeinflussen kann, wie Zeugen und Angeklagte beurteilt werden.

Professorin Sandra Hale von der Forschungsgruppe Übersetzen und Dolmetschen an der UWS äußert hierzu Folgendes:

„Vor Gericht werden Zeugen und Angeklagte nicht nur nach dem beurteilt, was sie sagen, sondern auch wie sie es sagen. Wenn die Zeugenaussage von Personen benötigt wird, die kein Englisch sprechen können, liegt der Eindruck, den sie hinterlassen, ganz in den Händen ihrer Dolmetscher.“

Sie fügt hinzu: „Wenn auch nur die kleinsten Veränderungen am Redestil der Person oder am Inhalt ihrer Aussage vorgenommen werden, kann dies gravierende Auswirkungen auf die Glaubhaftigkeit ihrer Aussage haben.”

Hale sagt weiterhin, dass Menschen die Intelligenz, Glaubwürdigkeit, Persönlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz einer anderen Person meist an der Art und Weise beurteilen, wie sie spricht.

„Während eines Gerichtsverfahren ist es möglich, dass Richter und Geschworene versehentlich die Aussage eines Zeugen oder Angeklagten anhand der Rede- und Verhaltensweise des Dolmetschers beurteilen“, befürchtet sie.

„Die Wahrnehmung der Richter und der Jury beeinflusst oftmals die Zukunft des Angeklagten. Darum ist es ungemein wichtig, dass Gerichtsdolmetscher eine Schulung durchlaufen, um sicherzustellen, dass ihre Übersetzung der Aussagen vollständig und präzise ist.“